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Porträt: Kurt Kindermann

Kurt Kindermann (51) sieht mehr in Gesichtern als seine Mitmenschen. Was er wahrnimmt, geht weit über das Standardrepertoire hinaus, das sich in „tollen Augen“, „schönem Haar“ und einem „geschwungenen Mund“ erschöpft. Derlei Amateurpoesie lässt Kurt Kindermann vermissen. Er scannt sein Gegenüber, zerlegt dessen Antlitz gedanklich in Einzelteile, misst Augenabstand und Ohrenlage, lokalisiert Leberflecken und andere Unregelmäßigkeiten. Die Analyse ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, nicht erst seit er für die Polizei Phantomzeichnungen anfertigt. Kurt Kindermann lebt in Wildberg und gilt international als führender Experte für biometrische Gesichtserkennung.

Grob gesagt, handelt es sich bei der biometrischen Gesichtserkennung um den Abgleich, ob auf mehreren digitalen Bildern ein und dieselbe Person zu sehen ist oder nicht. Es genügt dabei keineswegs, vor allem in der Strafverfolgung nicht, die Fotos zu betrachten und kraft der eignen Augen zu entscheiden. Kurt Kindermann packt sein Laptop aus und zeigt ein Beispiel. Auf dem mit Symbolen zugepflasterten Desktop öffnet er per Doppelklick eine Spezial-Software. Er zieht drei Bilder eines Jugendlichen in den Arbeitsbereich. Als er die Bilder dramatisch vergrößert und übereinander legt, offenbaren sich krasse Unterschiede: die Ohren unterschiedlich vom Kopf geneigt, der Mund völlig anders geformt, das Kinn mal kantig, mal rund. Drillinge.

So weit, so einfach. Wenn aber die ehemaligen Kollegen von der Polizei beim Kriminalhauptkommissar a.D. anklopfen, die Staatsanwaltschaft oder TV-Sender sein Expertenwissen suchen, dann legen sie ihm für gewöhnlich keine perfekt ausgeleuchteten und hoch aufgelösten Fotos vor. Schwer zu erkennen sind die Abgebildeten meist, ihre Gesichter nur im Halbprofil zu sehen oder im Dunklen verborgen. Banken etwa lieferten oftmals ganz schlechte Videoaufnahmen, sagt Kindermann. „So ganz verstehe ich es nicht; Geld für hochwertigere Kameras müsste doch da sein.“ Manchmal bekommt der Frühpensionär auch Bilder aus Radaranlagen oder Handyschnappschüsse in die Finger. Oder, wie vor kurzem, explosives Filmmaterial aus Nahost.

Die ARD hatte ihn gebeten, in seiner Funktion als Gutachter Fernsehbilder auszuwerten, die den Tod des zwölfjährigen Mohammed al-Duras am 30. September 2000 im Gazastreifen zeigen sollen – angeblich erschossen von israelischen Soldaten. Die kurze Filmaufnahme eines palästinensischen Kameramanns befeuerte den Hass der Palästinenser gegen Israel und wurde zum Symbolbild des Widerstands; nach Mohammed al-Dura sind Straßen und Schulen in der arabischen Welt benannt. Inzwischen gibt es erhebliche Zweifel daran, dass Mohammed al-Duras an diesem Tag starb und dass die Kugeln aus israelischen Gewehren abgefeuert wurden.

Diese Zweifel dokumentiert die deutsche Fernsehjournalistin Esther Schapira in ihrem 45-minütigen Beitrag „Das Kind, der Tod und die Wahrheit“, online zu finden in der ARD-Mediathek oder in zerhackter Form bei YouTube. Kurt Kindermann steuerte Hinweise bei, die den Verdacht erhärten, der Film könnte von den Palästinensern zu Propaganda-Zwecken lanciert worden sein. Er verglich Obduktionsbilder, Videoaufnahmen von der Beerdigung sowie den ursprünglichen Filmbeitrag miteinander. Wochenlang klebte er mit der Nase am Computerbildschirm, extrahierte Standbilder aus den Videos, überprüfte die Gesichter Pixel für Pixel, schöpfte überhaupt alle Möglichkeiten der biometrischen Gesichtserkennung aus, die modernste Software bietet.

Bei der biometrischen Gesichtserkennung geht es um eine eindeutige Identifizierung. Für Kurt Kindermann besteht das Gesicht aus Abständen und individuellen Merkmalen, allen voran die bereits erwähnten Leberflecken. In den meisten Fällen vergleicht er zunächst die charakteristischen Merkmale der Gesichtszüge, vor allem diejenigen, die sich aufgrund der Mimik nicht ständig verändern: obere Kanten der Augenhöhlen, die Gebiete um die Wangenknochen und die Seitenpartien des Mundes. Reicht das nicht aus, greift er zu anderen Mitteln.

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